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24.08.2004 - Südafrika erobert Afrika - Der Drang nach Norden

Von Ruth Weiss

Zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid ist in Afrika wieder von Kolonialismus die Rede - dem südafrikanischer Privat- und Staatsunternehmen.

Monatelang hatten sie sich bitter bekämpft, jetzt scheint die Schlacht geschlagen: Vor einigen Wochen erklärte der Vorstand von Vodacom, Südafrikas grösstem Mobilfunkunternehmen, dass er nun doch nicht mehr an der nigerianischen Telefongesellschaft Econet Wireless Nigeria (EWN) interessiert sei. Noch im April hatte Vodacom ein anderes Unternehmen aus dem Feld schlagen können, das seinen Anteil an EWN auf ein Drittel erhöhen wollte: Econet Wireless International (EWI). Weshalb der Vertrag zwischen Vodacom und EWN platzte, ist noch nicht ganz klar. Aber es hatte im Vorfeld der Unterzeichnung etliche Hinweise darauf gegeben, dass der Deal über 230 Millionen US-Dollar nicht ganz sauber eingefädelt worden war.

Vodacom gehört zu 50 Prozent dem südafrikanischen Festnetz-Unternehmen Telkom, 35 Prozent der Anteile hält der britische Vodafone-Konzern. Wahrscheinliche Nutzniesserin der Vertragsauflösung ist die südafrikanische MTN-Gruppe, die nach eigenen Angaben über «eines der grössten Mobilfunknetze der Welt» verfügt. Mit Anteilen an EWN, dem grössten nigerianischen Mobilfunkbetreiber, könnte MTN den Konkurrenten Vodacom überflügeln, denn Nigerias Markt ist gross. Im wichtigsten Ölförderland Afrikas leben 130 Millionen Menschen. MTN ist hier schon länger aktiv: Der Konzern hat vor zwei Jahren 285 Millionen US-Dollar für eine nigerianische Lizenz bezahlt und seither die Zahl der AbonnentInnen auf 1,2 Millionen steigern können. MTN operiert auch in Swaziland, Uganda, Ruanda und Kamerun.

Der Wettbewerb um die nigerianischen HandynutzerInnen zeigt, wie weit die Expansion südafrikanischer Unternehmen in Afrika mittlerweile gediehen ist. Diese Expansion hat sich in den neun Jahren seit dem Ende des Apartheidsystems beschleunigt und muss im Kontext der Strategie der Regierung in Pretoria gesehen werden, die einerseits ihre Wirtschaft fördert und sich andererseits immer stärker in den Kontinent integriert, von dem sie so lange Zeit isoliert war. Während der Apartheid standen viele afrikanische Staaten dem Regime in Pretoria feindlich gegenüber; selbst die Nachbarländer, die vom Apartheidstaat ökonomisch abhängig waren, kooperierten nur mit grossem Widerwillen. Man darf nicht vergessen, dass das weisse Regime die benachbarten Volkswirtschaften willentlich sabotierte und dort einen Schaden von schätzungsweise 65 Milliarden US-Dollar anrichtete. Nach der Apartheid verkündete die neue Regierung von Nelson Mandela im Mai 1994 die Richtlinien ihrer Aussenpolitik. Die Wirtschaftsentwicklung des neuen Südafrika sei, so Mandela damals, auf eine Kooperation im regionalen und überregionalen Bereich angewiesen.

Der erste Schritt bestand in der Verabschiedung des Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramms RDP, das eine Politik der nachhaltigen Entwicklung im südlichen Afrika versprach. Zwei Jahre später wurde RDP jedoch von Gear abgelöst, einem neoliberalen Wirtschaftsprogramm mit dem Titel Growth, Employment and Reconstruction (Wachstum, Beschäftigung und Wiederaufbau). Während die aussenpolitischen Grundsätze und RDP im Umgang mit den Nachbarstaaten Wert auf demokratische Verhältnisse und die Einhaltung von Menschenrechten gelegt hatten, verfolgte Gear einen pragmatischeren, ganz auf die Bedürfnisse der südafrikanischen Unternehmen zugeschnittenen Ansatz.

Und so entwickelten sich die Wirtschaftsbeziehungen recht einseitig. Südafrikanische Unternehmen eroberten schrittweise die Märkte der Nachbarländer, der Handel wurde immer einseitiger. Während Südafrika seine Exporte in afrikanische Märkte stetig steigerte (Afrika liegt nun mit 34 Prozent der südafrikanischen Gesamtausfuhr deutlich vor dem Nahen Osten mit 24 Prozent und dem südostasiatischen Raum mit 21 Prozent), stiegen die Importe aus afrikanischen Länder innerhalb der letzten zehn Jahre gerade mal von 2 auf 4 Prozent der Gesamteinfuhr. Die wichtigsten afrikanischen Handelspartner sind derzeit Simbabwe, Moçambique, Malawi, Angola, Kenia, Mauritius, Tansania, die Demokratische Republik Kongo und Ghana.

Mit dem Ende der Apartheid öffneten sich alle Türen; inzwischen haben südafrikanische Investitionen einen Umfang von rund einer Milliarde US-Dollar erreicht. Handys in Kamerun, Fastfood in Ruanda, Supermärkte in Sambia, Flugtickets in der Elfenbeinküste - all dies und noch mehr trägt den Stempel «made in South Africa».

Die südafrikanische Armee hilft

Vor allem die Telekommunikation hat sich als Wachstumsmarkt entpuppt. Vodacom zum Beispiel zählte 2003 fast neun Millionen KundInnen in ganz Afrika, und jeden Tag werden es mehr. In Tansania, wo sich die Firma vor vier Jahren niederliess, gewinnt das Unternehmen täglich eintausend KundInnen, da dort - wie überall auf dem Kontinent - der Zuwachs an Mobiltelefonen die Zahl der Festnetzanschlüsse bei weitem übersteigt (in Tansania besitzen derzeit 1,2 Prozent der Bevölkerung ein Handy, aber nur 0,4 Prozent ein fest installiertes Telefon). Selbst in Lesotho mit seinen nur 1,8 Millionen EinwohnerInnen zahlen 90 000 AbonnentInnen ihre Gebühren an Vodacom.

Selbst in den entlegensten Dörfern der Demokratischen Republik Kongo ist das Vodacom-Logo zu sehen. 2001 liess sich der südafrikanische Multi in Kinshasa nieder, seine Tochtergesellschaft Vodacom-Congo hat seither in mehreren Provinzen mit dem Aufbau eines Funknetzes begonnen. Dabei kamen ihm die Bedürfnisse und die Unterstützung des südafrikanischen Kontingents der Uno-Friedenstruppe zugute. Knapp fünfzig Städte liegen mittlerweile im Empfangsbereich; bis 2008 will das Unternehmen, das 500 Millionen US-Dollar im Kongo investiert, achtzig Prozent des Landes bedienen können. Dass die südafrikanische Regierung Ende 2002 das Kontrolllimit im freien Devisenverkehr von rund 80 auf 216 Millionen US-Dollar anhob, war dabei von Nutzen: Seither benötigen die südafrikanischen Unternehmen eine behördliche Genehmigung erst dann, wenn sie auf einen Schlag mehr als 216 Millionen Dollar ausführen, das heisst anderswo anlegen wollen.

Bergbau, Bier und Einzelhandel

Die Telekommunikation ist ein verhältnismässig neues Betätigungsfeld für südafrikanische Unternehmen. Bisher hatten vor allem die grossen Grubenkonzerne die Grenzen zu den Nachbarstaaten überschritten - Konzerne wie die 1918 von Ernest Oppenheimer gegründete Anglo American Corporation (AAC) und die Diamantenfirma De Beers Investment (DBI). Beide spielen noch heute in Afrika eine grosse Rolle. So besitzt DBI achtzehn Minen in vier Ländern und kontrolliert mit ihren Partnerfirmen De Beers Marine, Namdeb (in Namibia) und Debswana (in Botswana) rund fünfzig Prozent der weltweiten Diamantenförderung. Ihr gehören auch siebzig Prozent der Williams-Mine in Tansania und Aktien von De Beers Angola. De Beers wurde übrigens vom Erzimperialisten und früheren Premier der Kapkolonie, Cecil Rhodes, gegründet.

Andere Bereiche kamen hinzu. Etwa 500 südafrikanische Privatunternehmen investieren derzeit in afrikanischen Ländern, und es gibt kaum einen Sektor, auf den sie nicht drängen. Die Palette reicht vom Bankwesen zur Bauwirtschaft, von der Schwerindustrie zum Tourismus, vom Maschinenbau zum Einzelhandel. Der Brauereikonzern South African Breweries zum Beispiel (er gehört zur AAC-Gruppe und kontrolliert 98 Prozent des südafrikanischen Markts) operiert in elf afrikanischen Ländern. Der Verband der südafrikanischen Bauunternehmen Safcec teilte kürzlich mit, dass seine Mitglieder mittlerweile 35 Prozent ihrer Einkünfte ausserhalb Südafrikas erzielen. Sie bauen derzeit mit Hilfe von Finanzinstitutionen wie der Afrikanischen Entwicklungsbank überall in der Region Strassen, Schienenwege, Flugplätze und Häfen.

Von grosser Bedeutung für die Vermarktung südafrikanischer Agrarerzeugnisse sind die Supermarktketten. Pepkor, Südafrikas grösstes Einzelhandelsunternehmen, ist in Moçambique und Sambia aktiv. Das Supermarktunternehmen Shoprite ist mittlerweile Afrikas grösste Einzelhandelsfirma mit Filialen in zwanzig Ländern und versucht derzeit, sich auf dem gemeinsamen Markt der ost- und südafrikanischen Staaten Comesa zu etablieren. Es hat gerade sieben Millionen US-Dollar in Uganda investiert.

Die Folgen der Privatisierung

Der Nutzen dieser privatwirtschaftlichen Expansion ist umstritten. So bieten Shoprites Läden einerseits Bioprodukte an und verkaufen ugandisches Obst und Gemüse in Sambia und Simbabwe. Andererseits stärken solche Entwicklungen die ugandischen Grossfarmer und schaden den KleinhändlerInnen, die auf den Strassen von Kampala ums Überleben ringen. In manchen Staaten des südlichen Afrika wächst daher die Sorge vor einer neuen Kolonisierung; in Sambia zum Beispiel stossen die neuen südafrikanischen Supermärkte zunehmend auf Ablehnung.

Nicht nur Private sind an dieser Kolonisierung beteiligt. In Südafrika haben die alten Staatsunternehmen, die so genannten Parastatals, immer noch ein grosses Gewicht. Manche wurden in den 1920er Jahren gegründet (wie der Stahlkonzern Iskor und das Elektrizitätsunternehmen Eskom), andere (wie die Industrial Development Corporation IDC, die die Öl-, Gas-, Kohle- und Phosphatförderung vorantrieb), kamen in den 1940er Jahren hinzu. Zu den Parastatals gehören heute noch die Post, Spoornet (siehe Kasten), die Hafenbehörde, die Waffenfirma Armscor und die südafrikanische Fluggesellschaft SAA. Der Handlungsspielraum dieser Unternehmen beschränkt sich jedoch nicht mehr auf ihr althergebrachtes Betätigungsfeld: Die meisten haben mit Privatfirmen gemeinsame Tochtergesellschaften gegründet und kontrollieren über Sperrminoritäten deren Geschäfte.

Allerdings hat die Regierung in Pretoria nur noch mässigen Einfluss auf viele Parastatals. Denn ab Mitte der neunziger Jahre verschärfte die ANC-Regierung den Privatisierungskurs, der schon in den achtziger Jahren (in der Zeit der Apartheid also) begonnen hatte. Einzelne Geschäftsbereiche wurden ausgegliedert und verkauft. So gehören mittlerweile dreissig Prozent der Staatsfirma Telekom einem US-amerikanischen-malaysischen Konsortium. Diese Massnahme gab den teilprivatisierten Parastatals die Möglichkeit, sich am Wettrennen um die enormen Privatisierungen zu beteiligen, die auf Druck des Internationalen Währungsfonds in fast allen afrikanischen Staaten vorgenommen werden.

So hat beispielsweise die Regierung in Dar es-Salaam ihre Fluggesellschaft Air Tanzania neben 400 weiteren Staatsunternehmen privatisieren müssen. Südafrikas SAA griff sofort zu und kontrolliert seit Anfang letzten Jahres 49 Prozent von Air Tanzania. Ziel der Investition: Dar es-Salaam wird derzeit zu einem Hub, einem Drehkreuz des ostafrikanischen Luftverkehrs ausgebaut. Nach dem Kollaps von Nigeria Airways im letzten Jahr hat SAA der Regierung in Lagos bei der Gründung der neuen Fluggesellschaft Nigerian Eagle Airways unter die Arme gegriffen (und hält nun rund ein Drittel der Anteile). Damit dürfte Lagos der westafrikanische Hub im Netz der südafrikanischen Fluglinie werden, die somit alle wichtigen Flugverbindungen südlich der Sahara kontrolliert.

Auch Eskom, der grosse Stromkonzern, blickt seit langem nach Norden. Schon 1999 hatte das Unternehmen mit Libyen und Moçambique eine Zusammenarbeit bei der Stromerzeugung und -verteilung vereinbart, im Juni 2000 publizierte es Pläne für ein integriertes Stromnetz vom Kap bis zum Kongo, im November 2003 sicherte es sich die Kontrolle über die gesamte ugandische Stromversorgung. Auch in Nigeria und Gambia ist der Konzern aktiv - ebenso in Moçambique, wo Eskom die am Cobora-Bassa-Staudamm erzeugte Energie nutzt. Das Unternehmen erwarb zudem die Mehrheit von Lusembwa Hydro Power, die die sambischen Kupferminen mit Strom versorgt, und hat bereits Ingenieure nach Simbabwe geschickt.

Der Drang des südafrikanischen Kapitals nach Norden stösst allerdings langsam auch auf Gegenmassnahmen. So hat im Oktober ein nigerianischer Verleger eine südafrikanische Ausgabe seiner Tageszeitung «This Day» auf den Markt geworfen. Der Wettbewerb zwischen den beiden grössten afrikanischen Ökonomien dürfte in nächster Zeit noch zunehmen. Allerdings gibt es auch andere Entwicklungen. So hat die Regierung des nigerianischen Bundesstaates Kwara südafrikanische Farmer eingeladen. Sie hofft, dass die Weissen, denen sie Grundstücke zur Verfügung stellen will, die vom Land dringend benötigten Nahrungsmittel anpflanzen.

Der Traum von Cecil Rhodes

Spoornet, die Infrastrukturgesellschaft der südafrikanischen Eisenbahn, befindet sich noch ganz in Staatsbesitz. Das Unternehmen liefert derzeit Rollmaterial und Lokomotiven an neunzehn afrikanische Staaten und hat in Ländern wie Algerien, Kamerun, Lesotho, Senegal, Sudan und Uganda eine Konzession für den Schienenfrachtverkehr erhalten. Der Traum von Cecil Rhodes - ein Schienenstrang von Kairo bis zum Kap - rückt so langsam in realistische Nähe. Jointventures mit finanzkräftigen Transportunternehmen des Nordens besorgen das notwendige Kapital.

So hat Spoornet mit der südafrikanischen Firma New Limpopo Projects Investments (NLPI) und der kanadischen Canarail ein Konsortium gegründet, das 300 Millionen US-Dollar in Sambia investieren und eine Bahnverbindung vom Kongo bis zum südafrikanischen Hafen Durban bauen will. Spoornet kontrolliert bereits die Eisenbahnbrücke, die die Victoria Falls mit Livingstone auf der sambischen Seite verbindet, und spekuliert nun auf die Kontrolle des kurzen Teilstücks durch Simbabwe.

Dass Spoornet sich so ausbreiten kann, liegt auch am miserablen Zustand des afrikanischen Schienennetzes, das hohe Investitionen erfordert.

So haben Spoornet und NLPI eine fünfzehnjährige Konzession für die Reparatur und den Betrieb der 88 Kilometer langen Strecke von Ressano Garcia nach Machava (nahe der moçambiqueanischen Hauptstadt Maputo) gewinnen können. Spoornet engagiert sich derzeit auch für einen Frachtkorridor von Tansania bis Südafrika. Die Unternehmensstrategie passt gut zu Südafrikas Programm einer Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (Nepad), die eine regionale Wirtschaftsintregration fördern soll.

Ruth Weiss


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